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Predigtreihe von Pfarrer Stefan Pappelau zum "Jahr der Eucharistie" 1. Teil: Präfation und Sanctus Liebe Schwestern und Brüder, Papst Johannes Paul II. hat das Jahr 2005 zum "Jahr der Eucharistie" ausgerufen. Aus diesem Grund halten wir in unserer Seelsorgeeinheit eine dreiteilige Predigtreihe zum III. und IV. Eucharistischen Hochgebet. Wenn Sie den Text gern vor sich haben möchten, dann finden Sie ihn im Gotteslob unter der Nummer 369. Das II. Vatikanische Konzil hat in seinem Dokument "Sacrosanctum Concilium" aus dem Jahr 1962 die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt der christlichen Gemeinde beschrieben. Wenn die Eucharistie dem tatsächlich gerecht werden soll, dann scheint es mir notwendig, sich immer wieder auch über diese Feier zu vergewissern. Dem II. Vatikanum war ja auch die "Participatio actuosa", die "tätige Teilnahme" der Gläubigen ein wichtiges Anliegen. Die Einführung der Volkssprache in die Liturgie war ein wichtiger Beitrag zu dieser "tätigen Teilnahme". Dennoch meine ich, sind wir noch weit davon entfernt, das "Geheimnis des Glaubens" auch nur annähernd ausgeschöpft zu haben. Die Eucharistie in ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt ist vielen Gläubigen immer noch ein verborgener Schatz und eine nicht angezapfte Quelle. Deshalb haben wir beschlossen, diese Predigtreihe nicht an abstrakten Abhandlungen über die Eucharistie festzumachen und sie im Rahmen eines Gesprächsabend zu halten, sondern wir haben uns entschieden, sie da zu halten, wo Eucharistie geschieht: mitten in der sonntäglichen Feier, mitten im Tun. Die vier gängigen Eucharistischen Hochgebete sind uns ja im Text durchaus vertraut. Aber oft ist es ja so, dass wir bei Dingen, die wir oft hören, nicht mehr so genau hinhören, und so rauscht manches an uns vorbei und von einer "tätigen Teilnahme" ist nicht mehr viel zu spüren. 1. Der Eingangsdialog An vier Stellen in der Eucharistiefeier werden Sie als Gemeinde begrüßt. Zu Beginn und vor dem Segen, vor der Verkündigung des Evangeliums und vor dem Eucharistischen Hochgebet. Es ist der biblische Gruß "der Herr sei mit Euch". Wir wünschen uns die Nähe und Gegenwart des Herrn; zu Beginn des Eucharistischen Hochgebets natürlich in besonderer Weise. Sie als Gemeinde erwidern diesen Gruß zurück in der Antwort "und mit Deinem Geiste". Sie grüßen den Zelebranten nicht in seiner Person. Für die Feier der Eucharistie ist es letztendlich völlig unerheblich, wer da steht. Der Gruß hebt sich weg von der Person des Priesters hin zu einer geistlichen Größe. Sie grüßen denjenigen, der Jesus Christus selbst in der Feier des Gottesdienstes Stimme und Gestus verleiht. Vor dem Eucharistischen Hochgebet entfaltet sich dieser Gruß nun weiter. Manche Menschen beklagen, dass die Gottesdienste deshalb langweilig wären, weil man nichts zu tun hätte. Die Liturgiereform hat die Vielfalt der liturgischen Dienste ja erweitert, so dass sich manche Gemeindemitglieder als Lektoren, Kantoren oder Kommunionhelfer engagieren. Das soll uns aber nicht den Blick trüben dafür, dass auch Sie als ganz "normale" Gemeindemitglieder hier angesprochen und zu einem Tun aufgefordert werden: "Erhebet die Herzen" - so spricht der Priester weiter. Es heißt nicht "erhebt euch" im Sinne von "steht auf!". Es geht darum, die Herzen zu erheben. Also alles, was uns den Blick vernebelt auf das heilige Geschehen hinter uns zu lassen und uns mit Herz, Geist und Sinn dem Himmel entgegen zu wenden. Es ist doch so, dass man manchmal mit allem möglichem im Kopf in den Gottesdienst kommt. Nun ist der Augenblick, im Herzen Platz für Gott zu schaffen. Eigentlich wäre es sinnvoll, eine kurze Pause hinter dieser Aufforderung zu lassen, denn wer kann schon eine Sekunde später aus tiefster Überzeugung antworten "wir haben sie beim Herrn", vor allem, wenn er nebenher noch im Gesangbuch blättert und die nächste Liednummer aufschlägt? Die letzte Zeile dieses Dialogs gibt dann das Thema des ganzen folgenden Geschehens vor: "Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott". Das ist es ja, was wir in der Eucharistie vom Wesen her tun und was uns immer wieder so wenig bewusst ist: Eucharistie ist Danksagung. Deshalb nimmt der Priester nach der Antwort des Volkes in der Präfation den Faden wieder auf indem er spricht: In Wahrheit ist es würdig und recht, dir zu danken, heiliger Vater. Das ist der Grund, warum wir uns überhaupt versammelt haben, und das ist die Haltung, mit der wir Gott überhaupt gegenüber treten: Es ist würdig und recht, zu danken. 2. Die Präfation Die Präfation, d.h. der Vorspann vor dem Lobgesang der Engel, dem dreifachen Heilig, entfaltet dann diesen Dank, meistens festgemacht am Thema des jeweiligen Sonntags. Das II. und das IV. Hochgebet haben dabei eine eigene, fest verbundene Präfation, die anderen Hochgebete nicht. Wenn wir heute einmal das vierte Hochgebet betrachten, dann hören wir, wie der Dank sich entfaltet und quasi vom Himmel her zu uns herabsteigt: "In Wahrheit ist es würdig und recht, dir zu danken, heiliger Vater. Denn du allein bist der lebendige und wahre Gott. Du bist vor den Zeiten und lebst in Ewigkeit." Hier stehen wir kleine Menschen dem gewaltigen Gott gegenüber, der immer war, und der sein wird bis in Ewigkeit. Und doch schwebt er nicht über uns hinweg, so, als könnte er unser Leben, das in seinen Augen ja nur Sekundenbruchteile darstellt, gar nicht wahrnehmen. Sondern es heißt weiter: "Du bist die Liebe und der Ursprung allen Lebens." Dieser gewaltige Gott war immer schon Beziehung, denn Liebe ist ohne Beziehung nicht denkbar. Vater, Sohn und Geist waren sich vor aller Zeit schon in Liebe verbunden. Und deshalb ist dieser Gott auch der Ursprung allen Lebens. Denn die Liebe hat Gott gedrängt, den Menschen zu erschaffen, damit er jemanden hat, dem er seine Liebe schenken kann. Darum heißt es weiter: "Du erfüllst deine Geschöpfe mit Segen und erfreust sie mit dem Glanz deines Lichtes." Hier weitet sich der Blick weg von uns Menschen. In den Dank fügen sich alle ein, die Gott erschaffen hat, seien es die Engel der unsichtbaren Welt, oder die Pflanzen und Tiere der sichtbaren Welt. Sie alle erfreut Gott mit seiner Gegenwart. Allen hat er sich offenbart, allen hat er das Leben und das Dasein geschenkt. Es kann nichts geben was ohne Gott entstanden ist, es kann nichts geben, was ohne Gott im Dasein erhalten wird. Für dieses Leben, für diese Existenz danken wir. Und hier merken wir: Es geht nicht nur darum, für einen schönen Tag zu danken, oder für eine bestandene Prüfung oder eine schöne Begegnung. All das gehört auch hinein in den Dank. Es geht aber noch viel mehr darum, dass wir überhaupt sind. Dass wir Menschen sind, die denken, fühlen und lieben können, die Phantasie und Kreativität besitzen, denen eine unendlich schöne und vielfältige Welt gegeben ist, und die die Welt in ihrem ganzen Reichtum nutzen können. Und nun, kurz vor dem dreifachen Heilig trennt sich der Dank und verbindet sich dann wieder. Es heißt: "Vor dir stehen die Schar der Engel und schauen dein Angesicht. Sie dienen dir Tag und Nacht, nie endet ihr Lobgesang." Die Engel sind es, die jeden Tag, jede Stunde, jede Minute vor Gottes Angesicht sind, und deren einzige Aufgabe es ist, Gott zu loben. Und was könnte man dem allgewaltigen Gott anderes zurufen als das dreifache "heilig" des Propheten Jesaja? Hier zeigt sich auch, was in der Liturgie letztendlich geschieht. Diese Liturgie, diese Eucharistiefeier, das ist nicht einfach eine Versammlung, die wir hier in
einberufen haben und die wir nach unseren besten Kräften gestalten. Diese Liturgie, diese Eucharistie findet immer statt, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Sie ist himmlische Feier, ein göttliches Geschehen, in das wir uns heute Morgen nur einreihen können. Wir klinken uns als Kirchengemeinde von
in diese nicht nur weltumspannende, sondern zeit- und raumumspannende Feier ein. Darum hat es geheißen: Erhebet die Herzen, hinauf bis in den Himmel, und wir antworten: Ja, wir haben sie dort oben, beim Herrn! Aus diesem Grund ist die Feier der Liturgie auch nicht beliebig. Deshalb muss die Liturgie auch nicht jeden Tag neu erfunden werden. Deshalb unterliegt die Liturgie auch nicht einfach unserer Gestaltung. Sie entzieht sich ein Stück weit unserem Zugriff, weil sie im Himmel ohnehin schon stattfindet, weil andere diese Liturgie schon seit Ewigkeit her feiern. Wir aber stimmen ein in diesen Lobgesang. Wir können uns vorstellen, dass sich das Kirchendach auftut und dass die ganze himmlische Glorie auf uns herunterblickt, und dass unser Gesang aufsteigt zu Gottes Thron. Deshalb muss auch der Sanctus immer gesungen werden. Es ist ein Frevel, wenn man diesen Lobgesang nur spricht. Und es gibt keine Eucharistie, in der dieser Lobgesang fehlt. Der Sanctus muss ein Donnerhall sein, und wir müssen ihn singen aus Leibeskräften, so als müssten wir die himmlischen Heerscharen übertönen. Und wir leihen unsere Stimme sogar der restlichen Schöpfung, den Pflanzen und Tieren, wenn es heißt: "Durch unseren Mund loben dich alle Geschöpfe!". Deshalb heißt es auch in jeder Präfation "wir singen voll Freude das Lob deiner Herrlichkeit". Mag jemand noch so traurig in den Gottesdienst gekommen sein, spätestens an dieser Stelle muss die Traurigkeit der Freude weichen. Liebe Schwestern und Brüder, "Dank" und "Freude" sind die beiden wichtigsten Themen dieses ersten Teiles des Gottesdienstes. Lassen wir uns immer wieder anstecken von diesen beiden Themen. Wer diese beiden Dinge wirklich von ganzem Herzen mitvollzieht, der kann am Ende des Gottesdienstes auch mit dem Gefühl gehen: das hat mir gut getan, das war meine Zeit, da hab ich ein Stück weit die Nähe und Gegenwart Gottes gespürt, da war ich für einen Augenblick Teil einer viel größeren Wirklichkeit als unsere armselige Welt sie manchmal darstellen kann. 2. Teil: Der Einsetzungsbericht Liebe Schwestern und Brüder, es gibt ja diesen berühmten Spruch: Was ist das wichtigste an der Kirche - die Messe; was ist das wichtigste an der Messe - die Wandlung; also ist das wichtigste an der Kirche die Wandlung - nein, nein, alles soll so bleiben wie es ist. So blöd dieser Spruch manchmal ist, er hat doch einen Funken Wahrheit in sich, und zwar nicht nur, dass die Kirche natürlich eines ständigen Wandels bedarf, sondern auch im Hinblick auf die Eucharistie, auf die "Wandlung" die wir hier auf dem Altar feiern. Hier laufen auch die drei wichtigsten Aspekte der Eucharistie wie drei Fäden zusammen: das Opfer, das Gedächtnis und das Mahl. 1. Postsanctus Nach dem Sanctus, dem dreifachen Heilig, nimmt der Priester den Faden wieder auf indem er spricht: "ja, du bist heilig, großer Gott." Das ganze Gebet richtet sich also an Gott-Vater. Wenn wir heute den Text des III. Hochgebets vor Augen haben, erkennen wir jedoch sofort, dass es sich um ein zutiefst trinitarisches Geschehen handelt. Es heißt hier: "Alle deine Werke verkünden dein Lob. Denn durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, und in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllst du die ganze Schöpfung mit Leben und Gnade." Hier wird also eine Schöpfung im Licht des dreifaltigen Gottes dargeboten: Gott ist der Schöpfer allen Lebens, Christus ist das ewige Wort, das Gott in die Welt gesprochen hat, und der Geist ist die Kraft, mit der alles ins Leben gerufen wird und seine Lebenskraft erhält. So wie es im Buch Genesis heißt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Gottes Geist schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht. Dann zitiert der Text den Propheten Maleachi aus dem Alten Testament, wo es heißt: "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang steht mein Name groß da bei den Völkern und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und eine reine Opfergabe." Hier wird also eine Brücke geschlagen von den Tieropfern aus dem jüdischen Tempel in Jerusalem. Sie dienten dazu, die Sünden des Volkes wegzuwaschen. Diese Opfer aber sind überflüssig geworden, weil Jesus Christus in seinem Tod am Kreuz die Sünde der Welt ein für allemal hinweg genommen hat. Diese Vorstellung ist übrigens auch der Grund dafür, warum wir z.B. für Verstorbene "Messen lesen" lassen. Jesus hat in seinem Tod einen unendlichen Schatz an Gnade erworben, an dem wir Anteil erhalten, wenn wir hier in der Eucharistie sein Gedächtnis begehen. Deshalb löscht die gläubige Mitfeier der Eucharistie Sünden aus und schenkt uns Anteil am göttlichen Leben. 2. Die Wandlung Der Höhepunkt der eucharistischen Feier ist aber die Wandlung. Sie geschieht in zwei Teilen: durch die Herabrufung des Heiligen Geistes und durch das Sprechen und Hören der Worte Jesu, die er beim Letzten Abendmahl seinen Jüngern hinterlassen hat. Die Herabrufung des Geistes geschieht übrigens zweimal in der Messe, nämlich über die Gaben von Brot und Wein, und nach der Wandlung auch über die Gemeinde selbst, wenn es heißt: Erfülle uns mit deinem Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus. Hier wird deutlich: der Leib Christi auf dem Altar steht in direkter Verbindung zum Leib Christi, den die Gemeinde bildet, die zur Eucharistie versammelt ist, und kann nicht losgelöst von ihr betrachtet werden. Die Herabrufung des Geistes bereitet die Wandlung vor. Die Gaben werden geheiligt. Sie werden der profanen, gewöhnlichen Welt entzogen. 3. Die Worte über das Brot Die Wandlung selbst geschieht durch die Wandlungsworte: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. In der Scholastik, der Theologie des Hochmittelalters, hat man versucht, den Zeitpunkt der Wandlung exakt zu ermitteln. Man hat versucht, es an einzelnen Buchstaben festzumachen, ab wann das Brot nun der Leib Christi ist. Die offizielle Lehre der Kirche hat diese Engführung jedoch nicht mitvollzogen. Bis heute gilt: Die Worte als ganzes bewirken die Verwandlung der Gaben. Es ist kein magisches Geschehen, wo sich plötzlich -zack!- etwas in etwas anderes verwandelt. Es geschieht eine Verwandlung, zweifelsohne. Aber sie ist nicht zu greifen. Sie ist nur zu glauben. Und dann ist seit Jahrhunderten die Frage, was denn da nun geschieht. Vielleicht haben Sie das Wortungetüm von der Transsubstantiation schon gehört, mit der Thomas von Aquin versucht hat, das geschehen zu erklären. Ich denke, die einfachste Beschreibung ist immer noch die, die Christus selbst uns gegeben hat: das ist mein Leib, das ist mein Blut. Da brauchen wir uns gar nicht zu verbiegen und zu interpretieren: meint das nun, "das bedeutet mein Leib", oder "das entspricht meinem Leib" oder "das ist quasi mein Leib" - nein, Christus hat gesagt: das ist mein Leib, und wir dürfen ihm unterstellen, dass er das auch so gemeint hat. 4. Die Worte über den Wein Auch die Worte über den Wein erinnern an die religiöse Praxis der Juden im Tempel: Immer schon wurde ein Bund von besonderer Bedeutung mit Blut geschlossen. Erinnern sie sich nur an die berühmte Blutsbrüderschaft bei den Indianern. Und auch bei den Juden war es üblich, einen Bund zu besiegeln, indem man das Blut eines Opfertieres ausgesprengt hat. Weil aber das Volk Israel immer wieder den Bund mit Gott gebrochen hat, schließt nun Gott in Jesus Christus einen Bund, der nie mehr erneuert zu werden braucht: ein neuer Bund, der alle alten außer Kraft setzt, und ein ewiger Bund, der nicht mehr aufgekündigt werden kann. Er wird geschlossen im Blut, das Jesus am Kreuz vergossen hat. Deshalb steht auch das Tun Jesu im Abendmahlssaal in direkter Verbindung zu seinem Kreuzestod. Was er mit dem Becher in der Hand vorausgedeutet hat, hat er nur wenige Stunden später auch wahr gemacht und eingelöst. 5. Das Gedächtnis Beendet werden die Wandlungsworte mit dem wichtigsten Auftrag Jesu an seine Jünger: Tut dies zu meinem Gedächtnis! Das ist die Grundlage dafür, warum diese schlichte Handlung Jesu im Abendmahlssaal zum Zentrum einer ganzen Religionsgemeinschaft geworden ist. Diese schlichte Handlung, verbunden mit den einfachen Worten, muss die Jünger so fasziniert haben, dass dieser Gestus zum Inbegriff der Gemeinschaft mit Jesus Christus geworden ist. Nichts hat offenbar so deutlich und nachhaltig an Jesus Christus erinnert, wie diese Worte und diese Handlung. Und dieses Gedächtnis ist mehr als eine bloße Erinnerung. Wenn ich mir ein Fotoalbum anschaue, dann rufe ich mir ja auch Dinge ins Gedächtnis, weiß aber gleichzeitig, dass sie Vergangenheit sind und nicht wiederkehren. Bei diesem eucharistischen Gedächtnis ist es keine nostalgische Erinnerung, sondern bleibende Gegenwart. Es macht keinen Unterschied, ob die Jünger damals oder wir heute Eucharistie feiern. Gott ist lebendig unter uns gegenwärtig, hier und heute! Und deshalb antworten wir, quasi als unsere eigene Verpflichtung: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Vergessen wir nicht, dass wir auf die Wiederkunft Christi warten. Wir richten uns hier nicht für die Ewigkeit ein, sondern wir leben aus der Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn. Bis diese aber eintritt, führen wir fort, was er begonnen hat: Wir brechen das Brot und reichen uns den Wein, und erinnern uns dabei an das, was er in seinem Tod am Kreuz für uns getan hat. Dann fallen die drei wesentlichen Aspekte der Eucharistie wieder ineinander: das Gedächtnis, die Erinnerung an das, was Jesus getan hat; das Opfer am Kreuz, auf das der Becher mit Wein hingedeutet hat und das die Sünden der ganzen Welt hinweg nimmt, und das aktuell und gegenwärtig bleibt bis in unsere Zeit, und das Mahl, das gemeinsame Essen, das nicht nur Gemeinschaft stiftet, sondern die Verbundenheit des Leibes Christi sichtbar macht. 3. Teil: Anamnese und Fürbitte Liebe Schwestern und Brüder, heute hören wir den dritten und letzten Teil unserer Predigtreihe zur Eucharistie. 1. Betende Gemeinde: In dem Teil, der vor allem Kindern, aber auch Erwachsenen manchmal langweilig und langatmig vorkommt, entfaltet sich nun dieses Geschehen. Manche Pfarrer fühlen sich bemüßigt, diesen Teil des Hochgebets stets neu zu erfinden und sich Sonntag für Sonntag in neuen Formulierungen zu ergießen. Das mag manchmal gelingen. Es gibt aber auch gute Gründe, warum dieser Text immer gleich ist in seinen Formulierungen: Zum einen, wenn ich beginne ihn umzuformulieren, dann muss ich dazu das entsprechende Geschick haben. Ich erinnere mich mit Schaudern an Pfarrer, die sich in abenteuerliche Satzkonstruktionen verstiegen haben und am Ende selber nicht mehr gewusst haben, ob der Satz nun mit "ist" oder mit "hat" endet. Ganz zu schweigen von der Gemeinde, die auch nicht mehr gewusst hat, wovon er redet. Der vertraute, ewig gleiche Text, bietet die Chance, einerseits auch mal beten zu lassen, mal geistig ein bisschen durchzuhängen und einfach die Gegenwart Gottes auf dem Altar zu verspüren. In unserer Zeit haben wir oft den Anspruch, immer zuhören zu müssen, sich immer eine Meinung zu bilden, immer zu argumentieren, alles verstehen, auf alles eine Antwort geben - vielleicht bleibt ja auch mal für ein paar Minuten die Zeit stehen. Der Priester betet ja stellvertretend für die Gemeinde. Da muss ich als "normaler" Gläubiger nicht auf jede Silbe aufgepasst haben. Ich darf im Gottesdienst auch mal beten lassen, deswegen ist die Kirche und die Gottesdienstgemeinde eine Gemeinschaft, und zwar nicht zur eine physische, dass wir alle nebeneinander sitzen, sondern auch eine geistliche, wo einer betend den anderen mitträgt. Andererseits bietet der vertraute Text die Möglichkeit, stets neue Nuancen zu entdecken. Eine neue Betonung, ein Wort, dem ich bislang keine Aufmerksamkeit geschenkt habe; oder auch die Offenheit, sich jeden Sonntag von einer anderen Stelle ansprechen zu lassen. Mal ist es mir vielleicht mehr nach Lobpreis, mal möchte ich vielmehr bitten, manchmal ist es mir danach, zu danken. Wenn ich den Text kenne, dann kann ich mich ja innerlich auf die Stelle vorbereiten, und wenn es dann soweit ist, mit ganzem Herzen den Text mitvollziehen. 2. Anamnese: Dieser dritte Teil des Hochgebets gliedert sich in verschiedene Abschnitte. Gleich nach der Wandlung ist noch einmal viel Platz für den Dank: "So bringen wir dir mit Lob und Dank dieses heilige und lebendige Opfer dar." Zwei wesentliche Dinge sind ausgesagt: Eucharistie ist "Danksagung", das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten. Im III. Hochgebet kommt dieser Aspekt wunderschön zur Sprache. Mit "Lob und Dank" treten wir vor den Herrn hin. Nicht duckmäuserisch, nicht zerknirscht, nicht in Sack und Asche - nein, mit Lob und Dank! Angesichts der Gegenwart Gottes in Brot und Wein sind wir wer! Wir brauchen uns nicht zu verkriechen, wir sind Gottes erlöste Kinder! Und wir reihen uns ein in dieses Opfer. Wir selbst bringen das Opfer dar. Dahinter steckt die Vorstellung des antiken Opferkults, wo jeder seine Gaben in den Tempel gebracht, und der Priester sie dann der Gottheit geopfert hat. Das tun wir in gewisser Weise auch, wenn wir Geld in den Klingelbeutel werfen. Nicht umsonst werden die Körbchen auch hier an den Altar gebracht, das ist auch unsere Teilhabe an den Gaben von Brot und Wein. Und wenn der Priester bei der Gabenbereitung Brot und Wein erhebt und sie Gott darbringt, dann dürfen wir alle unsere Sorgen und Nöte, unsere Freuden und Hoffnungen mit in die Schale dazulegen. Wenn wir als Gemeinde der Leib Christi sind, dann muss der Leib Christi auf dem Altar das auch widerspiegeln. Als Sinnbild für den Opfertod Christi verwendet die Kirche seit alters her das Lamm, denken Sie nur an die Osterlämmchen. Als Jesus gekreuzigt wurde, wurden in Jerusalem die Lämmer für das Paschamahl geschlachtet. Was lag da nahe, als den unschuldigen Tod Christi am Kreuz in Beziehung zu setzen zu den Lämmchen, die ja auch unschuldig geopfert wurden? Deshalb heißt es: "Die Kirche stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde, und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat." Das Blut, das Jesus Christus vergossen hat, ist das Blut des Bundes. Mit diesem Bund wird ein für allemal Frieden geschlossen zwischen Gott und den Menschen. Was Adam und Eva mit ihrer Auflehnung gegen Gott verbockt haben, das ist nun vergessen und vergeben: Gott und die Menschen sind versöhnt! 3. Epiklese: Und dann kommt ein wichtiger Teil des Hochgebets, der bei den orthodoxen Christen viel deutlicher hervortritt, während er bei uns Lateinern fast untergeht: So wie vor der Wandlung der Heilige Geist über die Gaben von Brot und Wein herab gerufen wurde, so wird er nun über die Gemeinde herab gerufen: "Erfülle uns mit seinem Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus." Wieder wird der direkte Zusammenhang hergestellt zwischen dem Leib Christi in der Gestalt des Brotes und dem Leib Christi in der Gestalt der Gemeinde. Das ist übrigens auch der Grund, warum Sie beim Hochamt beweihräuchert werden. Auch Sie als Gemeinde verkörpern den Leib Christi, und wir alle als Kirchengemeinde von
brauchen und erbitten den Heiligen Geist, damit er uns zusammenfügt zu einer wirklichen Gemeinschaft, so wie Christus sie uns vorgelebt hat. Wir sind die Gemeinde, die die Gemeinschaft sichtbar machen soll. Und deshalb darf nichts, was uns trennt voneinander, in die Eucharistie hineingetragen werden. Das ist unser aller Verantwortung. Jeder einzelne trägt seinen Teil dazu bei! 4. Fürbitte: Der letzte Teil des Hochgebets ist nun der Fürbitte gewidmet. Das großartige Erlösungswerk, das Jesus Christus für uns getan hat, das wird nun umgelenkt in unsere konkrete Welt hinein: Wir tragen alles, was uns am Herzen liegt, in die Eucharistie hinein: unsere eigene Hoffnung auf das ewige Leben, Frieden für die ganze Welt, die Hoffnung auf die Einigkeit unserer Kirche, die Fürbitte für den Papst und die Bischöfe, die Fürbitte für alle, die hier versammelt sind. Und nicht zuletzt erstreckt sich die Hoffnung auf Heil nicht nur auf die Lebenden, sondern auch auf die Toten: im Glaubensbekenntnis haben wir bekannt: von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Das heißt: genauso wie wir Lebenden, so warten auch die Toten darauf, dass Christus wiederkommt und sein Reich errichtet. Deshalb bleiben in keiner Eucharistiefeier die Toten außen vor, sie sind nicht vergessen, sondern sie sind ebenso wie wir Teil der Kirche, Teil unserer Gemeinschaft. 5. Doxologie: Das Hochgebet endet mit einem Lobpreis an den dreifaltigen Gott: Genauso wie die Präfation ganz zu Beginn, fasst diese sog. "Doxologie" noch einmal den ganzen Lobpreis zusammen: Durch ihn - gemeint ist Christus - und mit ihm und in ihm, ist dir Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes, alle Herrlichkeit und Ehre, jetzt und in Ewigkeit. Wir haben alles vorgebracht, was uns auf dem Herzen liegt, wir haben für alles gedankt, wir haben um alles gebeten, wir haben an alle gedacht: am Ende aber gehört alle Aufmerksamkeit, alle Ehre, alle Macht und Herrlichkeit Gott selbst, denn er ist es, der alles vollbringt, er ist es, dem wir alles verdanken; nicht nur heute, nicht nur morgen, sondern bis in Ewigkeit. Amen. |
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